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Geschichtlicher Hintergrund

Was passierte im "Dritten Reich" mit behinderten Menschen?

Die Bedeutung des Ortes

Vorgeschichte - Die Insassen - Einrichtung der Anstalt

Die Trostbrief-Abteilung

Trostbrief-Abteilung - Absteck-Abteilung - Standesamt - Beisetzung

Ein Trostbrief aus Grafeneck

Ein erfundener Brief, der stellvertretend für die vielen Briefe steht, die Hinterbliebene der Ermordeten erhielten.

Die Tötungsanlage

Aufbau und Inbetriebnahme der "Euthanasie"-Anlage in Grafeneck

Die Organisation im Lager

Transport - "Untersuchung" der Patienten - Tötung - Verbrennung

Die Opfer

Gibt es genaue Angaben über die Anzahl der Opfer?

Das Ende der Anstalt

Erschütternde Hintergrundinformationen zu Grafeneck

Grafeneck heute

Gedenkstätte - Projekt Namenssuche / Alphabetgarten - Gedenken und Mahnen

Begegnung vor Ort

Gespräch mit dem Historiker Thomas Stöckle

Über diese Seite

Hintergrundinformationen zu diesem Projekt

Danke

Kurzbeschreibung

Hier erfahren Sie mehr über das "Euthanasie"- Programm des "Dritten Reiches" in Grafeneck. Diese Internetseite ist ein Produkt, das aus einer intensiven Beschäftigung mit diesem Thema im Rahmen einer projektartigen Arbeit entstanden ist.

Liste mit den Namen der Opfer?

Seit dem Publizieren dieser Seite erreichen uns Anfragen, ob wir Auskünfte über die Namen der Opfer von Grafeneck erteilen könnten. Viele Angehörige forschen nach dem Schicksal ihrer verschollenen Verwandten und möchten endlich Gewissheit erlangen. Solche Auskünfte können wir leider nicht erteilen.

Webstandards beachtet

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Externe Weblinks

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Geschichtlicher Hintergrund

Was passierte im "Dritten Reich" mit behinderten Menschen?

Die Ziele des „totalen Krieges“, welcher von den Nazis von Anfang an propagiert wurde, beinhalteten unter anderem eine umfassende ,völkische Flurbereinigung’, eine Ausrottung ,rassisch Minderwertiger’ und eine Vernichtung ,lebensunwerten Lebens’. In diesem Zusammenhang wurde die Tötung von Menschen mit Hilfe einer leistungsfähigen Maschinerie immer weiter ausgebaut. „Moderne Technologie“ wurde in den Dienst der Massenvernichtung gestellt.“[1] In diesen Zusammenhang ist auch die „Reichspflegeanstalt Grafeneck“ ab den Wintermonaten des Jahres 1939/1940 einzuordnen. Zur Beseitigung des ,inneren Feindes’ sollte in dieser abgelegen Anstalt auf der Schwäbischen Alb ,beigetragen’ werden. Unter dem beschönigenden Namen Euthanasie“ liefen die Aktionen in Gesamt-Deutschland besonders im Jahr 1939/40 im Hintergrund des Krieges auf Hochtouren. Der Begriff „Euthanasie“ kommt ursprünglich aus dem Griechischen und bedeutet „schöner Tod“; ursprünglich beschrieb er in der Philosophie der Stoa das Recht des gebrechlichen Menschen auf Freitod, heute wird er im Sinne der medizinischen Sterbehilfe verwendet. [2]

Zuvor, Ende Oktober 1939, gab Hitler folgenden Befehl: „die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte sind so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“[3] Eventuell bestehende Skrupel auf Seiten der Ärzte hatten somit eine standespolitische und moralische Legitimation ihres Tuns erhalten und konnten das Euthanasie-Programm nun, bürokratisch verharmlost durch den Codenamen T4, anlaufen. Beteiligt an den Verfahren waren folgende Organisationen [4]:

  • „Kommandozentrale“ in Berlin
  • „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erforschung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“ (Selektion von als ,lebensunwert’ bezeichneten Kindern, Verschickung dieser Kinder in besondere Heil- und Pflegeanstalten)
  • „Reichsarbeitsgemeinschaft für Heil- und Pflegeanstalten" (Verschickung der Meldebögen, Auswahl und Begutachtung der Opfer) „gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege“ (zuständig für T4-Personal und Finanzierung und Organisation der Tötungsanstalten)
  • „Gemeinnützige Krankentransport GmbH“ (nutzte SS-Fahrzeuge für die Verlegungen von den Heimen und psychiatrischen Kliniken in die Tötungsanstalten).

Insgesamt gab es sechs solcher Anstalten: Grafeneck in Württemberg, Hadamar bei Limburg, Brandenburg an der Havel, Schloss Hartheim bei Linz, Sonnenstein bei Dresden und Bernburg in Thüringen.

Der organisierte Mord erfolgte in den mobilen Fahrzeugen und Anstalten durch Injektionen und die Verabreichung von Tabletten, sowie durch Erschießung und den vorsätzlich herbeigeführten Hungertod. Die Bürokratie machte es Ärzten und Klinikleitern leichter, ihre Patienten in den sicheren Tod zu schicken. Die Meldebögen waren scheinbar objektiv und wissenschaftlich abgesichert. Außerdem erlernten die Ärzte, wie alle anderen Kinder der NS-Zeit auch, die rassischen Grundlagen schon frühzeitig. Besonders das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom Juli 1933 trug seinen Teil zur ,Gewissensberuhigung’ der Verantwortlichen teil. Es beinhaltete eine mögliche Zwangssterilisation von Schwachsinnigen, Schizophrenen, Epileptikern und anderen Erbkranken.[5]

Der propagierte Vernichtungswille der damaligen Zeit richtete sich gegen „Juden und Slawen, Sinti und Roma, psychisch Kranke, geistig Behinderte und ,Gemeinschaftsfremde’ weil sie als rassische Gruppen angesehen wurden, die – da man glaubte, ihre Andersartigkeit sei im Erbgut festgelegt – als nicht resozialisierbar galten.“[6] Der Rassismus[7] an sich beinhaltet, dass es durch die biologische Substanz verschiedene Menschenrassen gebe. Er trennt die „arische/nordische/germanische“ Rasse als „Edelrassen“ von den minderwertigen Rassen (Asiaten, Juden, Slawen). Dem Staat komme hierbei die Aufgabe zu, die rassische Substanz zu erhalten und zu schützen. In Deutschland erfuhr der Rassenbegriff eine Auffächerung [8] in den „anthropologischen“ und den „hygienischen“ Rassismus.

Ersterem wurde die farbige Bevölkerung in den Kolonien, ethnische und farbige Minderheiten im eigenen Land zugeordnet. Der „hygienische“ Rassismus hingegen wandte sich vor allem gegen psychisch Kranke und geistig Behinderte, die als erbkrank eingestuft wurden (außerdem auch gegen Landstreicher, Bettler, Prostitutierte, Alkoholiker und Gewohnheitsverbrecher, deren normbrechendes Verhalten auf genetische Anomalien schließen ließ.)

Der Sozialdarwinismus war eine zweite große Legitimationsbasis für das Euthanasie-Programm des Nationalsozialismus. Ursprünglich auf Charles Darwin zurückgehend (1809-82) wurde seine These, dass durch die natürliche Selektion im ständigen Konkurrenzkampf nur die stärksten und am besten angepassten Lebewesen einer Gattung überlebten auf den Menschen übertragen (Sozialdarwinismus). Demnach wäre auch die „Geschichte der Menschen nur ein ,Kampf ums Dasein, wobei es das ,Recht des Stärkeren’ sei, die Schwächeren zu verdrängen und ,auszumerzen’“ [9]. In dieser Theorie wird der Mensch auf eine Stufe mit dem Tier gestellt, demnach ist sie absolut inhuman, da jegliche menschliche Eigenschaften (Vernunft, Geist, Moral) keine Beachtung finden.

Dies spiegelt sich sehr deutlich auch in der Rassentheorie und im Euthanasie-Programm des Nationalsozialismus wieder, welcher die Massentötung von Menschen legitimiert, indem er von ,lebensunwertem Leben’ und minderwertigen Rassen spricht, welche letztendlich keine Befugnis zur Existenz haben. Trotz dieser bei einigen Personen im Reich tief verwurzelten Ansichten drohten die Massentötungen das Vertrauen in den Führer ernsthaft zu erschüttern. Die Opfer hatten oft eine intensive familiäre Bindung. Sie waren gesellschaftlich noch nicht so ausgegrenzt wie später die Juden. Die Stimmung an der Heimatfront drohte nach Bekanntwerden der Aktion T4 sich gegen den Führer zu richten. Dieser drohende Stimmungsumschwung, sowie Proteste aus kirchlichen Reihen (verbunden mit der spektakulären Drohung von der Kanzel herunter, Anzeige wegen Mordes zu erstatten), brachten Hitler schließlich dazu, am 24. August 1941 den Befehl zur Einstellung der Aktion T4 zu geben. Nach Schätzungen fielen der „Euthanasie“ bis Kriegsende mindestens 100 000 Menschen zum Opfer.

 

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