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Geschichtlicher Hintergrund

Was passierte im "Dritten Reich" mit behinderten Menschen?

Die Bedeutung des Ortes

Vorgeschichte - Die Insassen - Einrichtung der Anstalt

Die Trostbrief-Abteilung

Trostbrief-Abteilung - Absteck-Abteilung - Standesamt - Beisetzung

Ein Trostbrief aus Grafeneck

Ein erfundener Brief, der stellvertretend für die vielen Briefe steht, die Hinterbliebene der Ermordeten erhielten.

Die Tötungsanlage

Aufbau und Inbetriebnahme der "Euthanasie"-Anlage in Grafeneck

Die Organisation im Lager

Transport - "Untersuchung" der Patienten - Tötung - Verbrennung

Die Opfer

Gibt es genaue Angaben über die Anzahl der Opfer?

Das Ende der Anstalt

Erschütternde Hintergrundinformationen zu Grafeneck

Grafeneck heute

Gedenkstätte - Projekt Namenssuche / Alphabetgarten - Gedenken und Mahnen

Begegnung vor Ort

Gespräch mit dem Historiker Thomas Stöckle

Über diese Seite

Hintergrundinformationen zu diesem Projekt

Danke

Kurzbeschreibung

Hier erfahren Sie mehr über das "Euthanasie"- Programm des "Dritten Reiches" in Grafeneck. Diese Internetseite ist ein Produkt, das aus einer intensiven Beschäftigung mit diesem Thema im Rahmen einer projektartigen Arbeit entstanden ist.

Liste mit den Namen der Opfer?

Seit dem Publizieren dieser Seite erreichen uns Anfragen, ob wir Auskünfte über die Namen der Opfer von Grafeneck erteilen könnten. Viele Angehörige forschen nach dem Schicksal ihrer verschollenen Verwandten und möchten endlich Gewissheit erlangen. Solche Auskünfte können wir leider nicht erteilen.

Webstandards beachtet

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Externe Weblinks

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Die Bedeutung des Ortes

Vorgeschichte

Die Bedeutung des Ortes Grafeneck geht durch die Geschehnisse des Jahres 1940 weit über lokale und regionale Bedeutung hinaus. Zu einer Vernichtungsanstalt umfunktioniert und mit einer Gaskammer ausgestattet - der ersten der Menschheits- und Weltgeschichte überhaupt, in der industriell gemordet wurde - war Grafeneck der Ort, an dem am 18. Januar 1940 die systematische Tötung von Menschen im nationalsozialistischen Deutschland begann und die sogenannte NS-”Euthanasie”-Aktion T4 ihren Anfang nahm.

Mit der Erfassung aller jüdischen Patienten in den psychiatrischen Einrichtungen Württembergs und Badens und deren Tötung in Grafeneck sowie der späteren Übernahme der Technologie und des Personals der Gasmordanstalten begann hier auch der Weg in den ”Holocaust”, der Ermordung der deutschen und europäischen Juden.

Für die anderen fünf ”T4”-Vernichtungsanstalten des NS-Staates besaß Grafeneck eine Vorbildfunktion. Südwestdeutschland mit Württemberg, Hohenzollern und Baden war die erste Region Deutschlands, die von der ”Euthanasie”-Aktion erfasst wurde. Diese Tatsachen begründen die zentrale und einzigartige Bedeutung Grafenecks für das heutige Bundesland Baden-Württemberg und die Bundesrepublik Deutschland.

Von den sechs im Nationalsozialismus im Rahmen des ”Euthanasie”-Programms existierenden Vernichtungsanstalten war Grafeneck die einzige, die vor ihrer Beschlagnahmung einen kirchlichen Träger hatte. In Grafeneck war dies die Samariterstiftung Stuttgart, die dem Landesverband der Inneren Mission und somit der Evangelischen Landeskirche Württemberg angehörte. Von den 10.654 in Grafeneck ermordeten Menschen stammten über 800 aus evangelischen Einrichtungen der Behindertenhilfe im heutigen Baden-Württemberg.

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Die Insassen

Die von der Verlegung betroffenen Geisteskranken und Behinderten hatten ihre eigene Kleidung und das gesamte Privateigentum mitzuführen, das in einer gesonderten Liste akribisch genau aufgeführt und später zusammen mit einem Trostbrief den Angehörigen zugestellt wurde.

Auch die Angehörigen erhielten eine Mitteilung über die Verlegung, die allerdings immer erst im nachhinein erfolgte und sehr allgemein gehalten war. Wohin ihr Angehöriger gekommen war, erfuhren sie erst aus einer weiteren Mitteilung durch die aufnehmende Tötungsanstalt. Aber zu dem Zeitpunkt, an dem sie dieses Schreiben bekamen, war ihr Angehöriger längst vergast.

Im Juni 1940 wurde die Zentralleitung für das Stiftungs- und Anstaltswesen vom Württembergischen Innenministerium aufgefordert, „in den von Ihnen betreuten Anstalten, diejenigen geisteskranken, epileptischen und schwachsinnigen Pfleglinge namentlich festzustellen, die dort auf öffentlichen Kosten untergebracht sind”. Dieser ministerialen Aufforderung kam die Zentralleitung nach, indem sie den Erlass an die ihr unterstehenden Heil- und Pflegeanstalten weiterleitete. Bereits Ende August 1940 meldete sie dem Württembergischen Innenministerium Vollzug und übergab die angeforderten Patientendaten.

Diese bevorzugte Erfassung von Patienten, die auf öffentlichen Kosten untergebracht waren, sogenannten ”Staatspfleglinge”, findet sich auch in den direkt dem Württembergischen Innenministerium unterstehenden Heilanstalten. Beispielhaft lässt sich dies an den Abtransporten aus dem Christophsbad Göppingen, einer Privatheilanstalt, zeigen. Von dort wurden zwischen April und Oktober 1940 265 Patienten – Staatspfleglinge – abtransportiert und in staatliche Heilanstalten verlegt. Von diesen starben in Grafeneck nachweislich 144 Menschen.

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Einrichtung der Anstalt

Das "Krüppelheim" Grafeneck, wie es zu jenem Zeitpunkt hieß, erhielt am 24. Mai 1939 Besuch: Der Stuttgarter Obermedizinalrat und Sachbearbeiter für das Irrenwesen im Württembergischen Innenministerium Dr. Otto Mauthe und zwei weitere Ministerialbe-amte besichtigten die Einrichtung, die ihnen offenbar insgesamt sehr gut gefiel. Den wahren Grund ihres Besuches nannten sie nicht, die Inspektion stand jedoch im Zusammenhang mit den geplanten "Euthanasie"-Maßnahmen. Am 6. Oktober 1939 besichtigten weitere hohe Ministerialbeamte das Haus und beschlossen seine Beschlagnahmung.

Schon einen Tag später erschien einer von ihnen beim Münsinger Landrat Richard Alber und setzte diesen über die bevorstehende Aktion in Kenntnis. Alber erhielt den Auftrag, umgehend die Samariterstiftung über die geplante Beschlagnahmung des Heimes "für Zwecke des Reichs" zu informieren. Dies geschah dann auch mit eingeschriebenem Eilbrief am 14. Oktober 1939, in dem es u. a. hieß, das Heim sei bis abends von den rund 100 Insassen und dem Personal zu räumen, Einrichtung und Vorräte seien aber zurückzulassen.

Lange Zeit hielt man die Tatsache, dass Absendedatum und Vollzugsdatum auf denselben Tag fielen, für den Gipfel der Rücksichtslosigkeit. Erst sehr viel später wurde die kluge Regie des besorgten Landrats Alber sichtbar, der es der Anstalt durch rechtzeitige Vorinformation und absichtliche Verzögerung der Requirierung ermöglicht hatte, auch alle ihre Vorräte und Maschinen mitzunehmen.

Mitte November 1939, so der Bericht eines SS-Mannes, traf er mit fünf SS-Kameraden sowie Schreibkräften und weiterem Personal in Grafeneck ein, wo nun der Umbau in eine Tötungsanstalt begann. Handwerker aus den umliegenden Orten, etwa 10-15 Mann, wurden vom Arbeitsamt Münsingen mit diesen Arbeiten beauftragt. Während ihres Tuns rätselten sie über die künftige Aufgabe des Schlosses, teilweise glaubten sie an die Einrichtung eines Seuchenlazaretts, wie es Brack bei seinem Grafeneck- Besuch am 6. Oktober den Wirtsleuten der Gestütsgaststätte Marbach angekündigt hatte.

Am 4. Januar 1940 trafen sich ca. 25 Personen, alles bewährte Parteigenossen, im Columbushaus in Berlin. Sie waren als Pfleger und Pflegerinnen angeworben und auf einen mehrmonatigen Einsatz vorbereitet. Die T4-Angestellten Blankenburg und Bohne (Büroabteilung) machten ihnen klar, dass die Angelegenheit vollkommen freiwillig sei und jeder ohne Nachteile zurücktreten könne. Trotzdem weigerte sich niemand, alle fuhren anschließend in zweitägiger Busfahrt nach Grafeneck, wo sie von Dr. Horst Schumann begrüßt wurden.

Dieser Dr. Schumann, 1907 geboren und zu diesem Zeitpunkt also noch ein junger Arzt, war kurz nach Kriegsbeginn zu Brack in die Kanzlei des Führers gerufen und dort nach einer Bedenkzeit zum "Euthanasie"-Arzt verpflichtet worden, obwohl er nicht auf Psychiatrie spezialisiert war. Schumann baute in Grafeneck die Tötungsmaschinerie auf und war dort bis April 1940 tätig.

Mitte Januar 1940 kamen in Grafeneck schließlich auch die drei Krematoriumsöfen an, fast zeitgleich auch schon der erste Transport von Kranken aus der Anstalt Eglfing-Haar am 18. Januar 1940. Die Tötung der Behinderten konnte beginnen.

Die Todeszone von Grafeneck wurde fast 300 Meter vom Schloss entfernt eingerichtet. Das Schloss selbst und das landwirtschaftliche Gebäude blieben von baulichen Veränderungen verschont, die Küche, die Vorratsräume und der Speisesaal wurden wie bisher genutzt. Im ersten Obergeschoss waren die Wohn- und Verwaltungsräume der Ärzte sowie das Standesamt, ein Polizeibüro, die Trostbrief-Abteilung und andere Einrichtungen untergebracht. Im zweiten Obergeschoss befanden sich die Wohn- und Schlafräume des Personals, das bald auf 80 Personen angewachsen war und in sehr beengten Verhältnissen hausen musste.

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