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Geschichtlicher Hintergrund

Was passierte im "Dritten Reich" mit behinderten Menschen?

Die Bedeutung des Ortes

Vorgeschichte - Die Insassen - Einrichtung der Anstalt

Die Trostbrief-Abteilung

Trostbrief-Abteilung - Absteck-Abteilung - Standesamt - Beisetzung

Ein Trostbrief aus Grafeneck

Ein erfundener Brief, der stellvertretend für die vielen Briefe steht, die Hinterbliebene der Ermordeten erhielten.

Die Tötungsanlage

Aufbau und Inbetriebnahme der "Euthanasie"-Anlage in Grafeneck

Die Organisation im Lager

Transport - "Untersuchung" der Patienten - Tötung - Verbrennung

Die Opfer

Gibt es genaue Angaben über die Anzahl der Opfer?

Das Ende der Anstalt

Erschütternde Hintergrundinformationen zu Grafeneck

Grafeneck heute

Gedenkstätte - Projekt Namenssuche / Alphabetgarten - Gedenken und Mahnen

Begegnung vor Ort

Gespräch mit dem Historiker Thomas Stöckle

Über diese Seite

Hintergrundinformationen zu diesem Projekt

Danke

Kurzbeschreibung

Hier erfahren Sie mehr über das "Euthanasie"- Programm des "Dritten Reiches" in Grafeneck. Diese Internetseite ist ein Produkt, das aus einer intensiven Beschäftigung mit diesem Thema im Rahmen einer projektartigen Arbeit entstanden ist.

Liste mit den Namen der Opfer?

Seit dem Publizieren dieser Seite erreichen uns Anfragen, ob wir Auskünfte über die Namen der Opfer von Grafeneck erteilen könnten. Viele Angehörige forschen nach dem Schicksal ihrer verschollenen Verwandten und möchten endlich Gewissheit erlangen. Solche Auskünfte können wir leider nicht erteilen.

Webstandards beachtet

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Externe Weblinks

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Begegnung vor Ort

Ein ungemütlicher Nachmittag im Juli, 16 Grad Celsius, es beginnt zu regnen. Wir nähern uns mit dem Auto dem Schloss Grafeneck. Trotz einiger Recherche im Vorfeld wissen wir nicht mit Sicherheit, was uns dort erwarten wird.

Wir wollen einige Fotos machen, um das bisher Erarbeitete zu illustrieren. An der Gedenkstätte sehen wir eine Gruppe Jugendlicher und beschließen spontan aus dem Auto zu steigen und diese zu ihren Eindrücken zu befragen. Im Gespräch erfahren wir, dass es im Haus einen äußerst kompetenten Historiker gibt, der ihrer Gruppe soeben einen interessanten Vortrag über die Bedeutung des Ortes im Dritten Reich gehalten hat. Schade, dass man sich hierfür als Gruppe hätte anmelden müssen.

Wir laufen über die Gedenkstätte. Durch die idyllische Natur strahlt der Ort etwas ruhiges, fast harmonisches aus. Der Blick ins Tal wäre bei klarer Sicht sensationell. Und doch stimmt der Ort nachdenklich. Wir gehen über den kleinen Friedhof, vorbei an der architektonisch interessanten Kapelle zum Buch und Feld der Namen. Dazwischen Wiesenblumen, hohes Gras, ein friedlicher Ort.

Über die lange Allee, die sicher schon seit 100 Jahren dort steht und die Geschehnisse damit überlebt hat, gelangen wir zum Schloss. Wir fahren vorbei an einigen Kranken und wir stellen uns die Frage, ob eine Unterbringung von Behinderten in einem historisch so vorbelasteten Ort in der heutigen Zeit zu vertreten ist. Eine Frage, welche wir am Ende unseres Besuches für uns beantwortet haben werden.

Die Ausstellung im Schloss ist eher enttäuschend. Trotz der interessanten Exponate, welche die Opfer- aber auch die Täterseite beleuchten, scheint der Ort - Durchgang mit Getränkeautomat - für ein solches Thema eher wenig geeignet.

Durch einen glücklichen Zufall werden wir jedoch vom fast enttäuschten Gehen abgehalten. Es ist Thomas Stöckle, der sich spontan bereit erklärt, uns Auskünfte zu geben. Nach anfänglicher Überraschung über dieses Entgegenkommen sprudeln die Fragen aus uns hervor.

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Gespräch mit dem Historiker Thomas Stöckle

Sofort wird uns klar, dass wir hier den Fachmann schlechthin zu diesem Thema vor uns sitzen haben. Wir stellen Fragen zu Tätern, Pflegepersonal, dem historischen Ort Grafeneck und zu den Opfern. Anfangs planen wir ein etwa halbstündiges Gespräch, zweieinhalb Stunden später erst befinden wir uns auf dem Heimweg. Keine Minute davon war umsonst. Nachfolgend eine Zusammenfassung der Ergebnisse dieses Gesprächs:

Die Opfer

Entgegen des weit verbreiteten Irrtums die Opfer wären aus ihrem Familien zuhause herausgeholt worden, verwies Stöckle darauf, dass diese ausschließlich aus psychiatrischen Heilanstalten in Süddeutschland nach Grafeneck verbracht wurden. Die betreffenden Anstalten wurden vom Reichsministerium des Inneren dazu verpflichtet, Angaben über Patienten zu machen die an schweren psychischen Erkrankungen leiden, sich seit mindestens fünf Jahren in der Anstalt befinden, nicht die nach damaligem Verständnis notwendigen Kriterien der deutschen Staatsangehörigkeit erfüllen oder als kriminelle Geisteskranke verwahrt werden (dies traf auf jeden zu, der von einem Gericht in die psychiatrische Anstalt eingewiesen wurde).

Klar ist, dass sich diese Kriterien nicht mit dem heutigen Prinzip der Gleichheit vereinbaren lassen. Es wurde aber peinlichst darauf geachtet, dass traumatisierte Kriegsveteranen von dieser Regelung ausgenommen waren um die Stimmung in der Bevölkerung nicht kippen zu lassen. De facto waren diese Kriterien jedoch nur ein Vorwand, da es nur darum ging, arbeitsfähige von nicht arbeitsfähigen Menschen zu trennen. Von daher war die Angabe des Grads der Arbeitsfähigkeit der wichtigste Punkt des Meldebogens.

Von den Anstalten wurden die "selektierten" Menschen in grauen Bussen nach Grafeneck abgeholt. Dass dies ihre letzte Fahrt werden sollte war vielen von ihnen klar, aus diesem Grund wurden sie mit Medikamenten, Handschellen und körperlicher Gewalt ruhig gestellt, trotzdem kam es während dieser Fahrten und auch im Lager nicht selten zu Tumulten. Die meisten wehrten sich jedoch nicht. Nicht weil sie nichts geahnt hätten, sondern aus purer Resignation.

Insgesamt wurden in knapp einem Jahr 10.654 Menschen mit diesen grauen Bussen nach Grafeneck gebracht um dort zu ermordet zu werden. Baden-Württemberg erwies sich im Programm T4 als trauriges Vorbild. Das Lager wurde geschlossen, weil sein Dienst getan war. 50% aller Insassen psychiatrischer Anstalten waren eiskalt ermordet worden. Der reichsweite Durchschnitt lag weit darunter.

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Die Täter

Das Anstaltspersonal wurde weit weg von der Einrichtung, größtenteils in Berlin, rekrutiert, damit wollte man verhindern, dass diese abends nach Hause zu ihren Familien oder n de nächste Kneipe gingen, um über das Morden im Schloss zu berichten. Das System war "ausgefeilt". Die Täter waren von der Außenwelt abgeschirmt.

Vor der Nutzung als Tötungsmaschinerie waren in der Anstalt 12 Personen zur Betreuung von über 100 Patienten angestellt. Nun war das Personal auf über 100 Personen angewachsen. Polizei, Aufsichtspersonal, eine Vielzahl bewaffneter Ärzte und Hilfspersonal wurden ins Lager versetzt. Die Ambitionen zur Verrichtung dieses Dienstes waren unterschiedlich, die häufigsten waren die Aussicht auf überdurchschnittliche Verdienstmöglichkeiten, beruflicher Aufstieg, das "Mitmachen im System" oder die Überzeugung "das Richtige" zu tun.

Führende "Mediziner" ließen sich nach Beendigung ihres Dienstes in Grafeneck nach Auschwitz und andere Vernichtungslager versetzen, um dort die Leitung der Tötungsmaschinerie zu übernehmen. Dort konnten sie auf ihre "Erfahrungen" zurückgreifen.

Wie so viele andere Verbrecher des NS-Regimes entkamen sie der bundesdeutschen Justiz und praktizierten zum Teil bis in die 80er Jahre als angesehene Ärzte weiter.

Nach dem Interview

Wir verlassen das Schlossgebäude und machen uns mit Stöckle auf den Weg zur noch nicht eröffneten Ausstellung. Hier erfahren wir, dass es zu den Geschehnissen eine Wanderausstellung gibt, welche ausgeliehen werden kann. Im Ausstellungsgebäude erfahren wir Näheres über das geplante Konzept. Nicht nur die Zeit des Nationalsozialismus, sondern auch die Zeit nach ´45 sollen dort dokumentiert werden. Eine echte Aufarbeitung setzte erst Jahrzehnte später ein.

Auf dem Gelände begegnen uns einige Patienten. Uns wird bewusst, dass vor 65 Jahren keine dieser Personen überlebt hätte. Der Ort wird gemäß seiner wirklichen und bereits vor dem Dritten Reich existierenden Bestimmung genutzt. Unsere anfänglichen Zweifel sind zerstreut. Diese Perspektive lässt uns hoffen.

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